Dienstagabend, schmaler Gehweg, halb sechs.Vor mir geht eine Frau mit ihrem Golden Retriever. Der Hund hängt fast waagerecht in der Leine, sie lehnt sich nach hinten wie ein Skifahrer im Tiefschnee. Ihr Blick verrät, was viele Hundehalter kennen: Ich liebe meinen Hund. Aber dieser Spaziergang ist gerade keine Erholung, sondern Arbeit.
Wenn dir das bekannt vorkommt: Du bist nicht allein. Leinenführigkeit ist eine der häufigsten Trainingsfragen überhaupt. Die gute Nachricht ist: Ziehen an der Leine ist nichts, was dein Hund „falsch macht“. Es ist erlerntes Verhalten – und das heißt, ihr könnt es gemeinsam neu lernen. Mit ein bisschen Geduld, klaren Regeln und der richtigen Methode wird der Spaziergang wieder das, was er sein soll: schöne Zeit zu zweit.
Inhalt
Das erfährst du in diesem Artikel
- Warum dein Hund zieht (und warum es nichts mit Dominanz zu tun hat)
- Die häufigsten Stolpersteine im Leinentraining
- Eine 6-Schritte-Methode für entspanntes Gehen
- Welche Hilfsmittel dich wirklich unterstützen
- Was die Verhaltensforschung dazu sagt
- Häufige Fragen aus dem Hundealltag
Warum dein Hund überhaupt zieht
Die alte „Dein Hund will der Boss sein“-Erzählung ist verhaltensbiologisch überholt. Hunde haben kein Konzept von „Anführer auf dem Spaziergang“. Sie ziehen, weil ziehen sich bisher gelohnt hat. Hier drei häufige Gründe fürs Ziehen an der Leine:
Hunde gehen schneller. Wenn die Leinenführigkeit nicht geübt wurde, dann geht dann Hund einfach ganz normal. Die natürliche Gehgeschwindigkeit eines mittelgroßen Hundes liegt bei rund 6 km/h. Menschen laufen mit etwa 4 km/h. Wenn dein Hund einfach in seinem eigenen Tempo unterwegs ist, wird die Leine zwangsläufig straff.
Das Ziehen ist keine Provokation, wenn es schon immer so war, dann ist es für den Hund ganz normal, dass Zug auf Halsband und Leine sind. Er sieht das nicht als Problem.
Ziehen wurde immer wieder belohnt. Wahrscheinlich tausendfach, ohne dass es jemandem aufgefallen ist. Jedes Mal, wenn dein Hund gezogen hat und dadurch schneller an dem spannenden Baum war, hat er gelernt: Ziehen funktioniert. Lerntheoretisch ist das ganz simpel – und sehr menschlich. Wir wiederholen alle, was sich für uns lohnt.
Aufregung und Vorfreude. Geräusche, Gerüche, andere Hunde, ein vorbeihuschendes Eichhörnchen. Ein aufgeregter Hund ist körperlich kaum in der Lage, ruhig zu gehen. Das ist nichts, was man mit einem Kommando wegtrainieren kann – das braucht Distanz und ein bisschen Zeit.
Die häufigsten Stolpersteine
Mal so, mal so. Heute darf der Hund ziehen, weil es schnell gehen muss. Morgen wird zurückgerufen. Übermorgen folgt ein Schimpfen. Hunde lernen am besten, wenn die Regeln klar und vorhersehbar sind – Inkonsequenz verlängert die Trainingszeit erheblich.
Ruckeln und Korrekturen. Ein scharfer Ruck am Halsband stoppt den Hund kurzfristig. Langfristig verknüpft er den Schmerz oft mit dem, was er gerade gesehen hat – zum Beispiel mit dem anderen Hund auf der Straße. Mehrere Studien zeigen, dass aversive Methoden Angst- und Aggressionsverhalten begünstigen, ohne den Lernerfolg zu verbessern (Ziv 2017; de Castro et al. 2020).
Training im falschen Umfeld. Du übst lockere Leine ausgerechnet in der Fußgängerzone zur Stoßzeit. Das ist, als würdest du Vokabeln zum ersten Mal in einer lauten Disko lernen. Das Reizniveau ist zu hoch – nicht weil dein Hund schwach ist, sondern weil sein Gehirn unter solcher Aufregung anders arbeitet.
Belohnung am falschen Ort. Du gibst das Leckerli, während der Hund dir vor den Füßen steht und in die Leine drückt. Damit verstärkst du genau die Position, die du eigentlich nicht möchtest.
Geschirr ist Unterstützung, keine Lösung. Ein gut sitzendes Brustgeschirr verteilt die Last und macht Ziehen für deinen Hund angenehmer. Aber es bringt ihm das Loslassen nicht bei. Das übernimmst du.
Die 6 Schritte zur lockeren Leine
1. Markerwort aufbauen
Ein Markerwort ist ein kurzes Signal, das deinem Hund sagt: „Genau das war richtig, gleich kommt die Belohnung.“ Klassisch: „Fein“ oder ein Clicker.
Übe das zu Hause, zehn Minuten in ruhiger Atmosphäre. Markerwort sagen, sofort Leckerli geben. Dreißig Wiederholungen. Wenn dein Hund bei „Fein“ sofort aufmerksam wird und Futter erwartet, ist das Signal etabliert.
Ohne sauberes Marker-Timing wird der Rest schwer.
2. Belohnungsposition festlegen

Die Belohnung kommt immer an einer bestimmten Stelle – meistens an deiner linken Seite auf Beinhöhe. Konsequent. Jedes Mal.
Warum: Hunde lernen Position über Wiederholung. Wenn das Leckerli immer an der gleichen Stelle erscheint, lernt dein Hund: Genau hier zu sein, lohnt sich.
3. Drinnen anfangen
Wohnzimmer, Flur, Garten. Reizarm.
Setze deinen Hund an die Leine und beginne zu gehen. Sobald die Leine durchhängt: Marker, Belohnung an der Hosennaht. Drei Schritte weiter: nochmal. Fünf Schritte: nochmal.
Du trainierst nicht „Hund läuft hundert Meter ohne Ziehen“. Du trainierst zuerst nur das Prinzip: Durchhängende Leine führt zu Futter.
Zwei bis drei Sessions à fünf Minuten pro Tag reichen völlig. Mehr ist nicht besser.
4. Die Umkehrmethode
Sobald du draußen bist: Geht dein Hund in die Leine, drehst du dich ruhig um und gehst in die andere Richtung. Kein Schimpfen, kein Ruck, einfach Richtungswechsel. Der Hund soll lernen, auf Dich zu achten und sich an Dir zu orientieren.
Dein Hund lernt: Ziehen führt nicht ans Ziel. Es führt davon weg.
Das ist in den ersten Tagen anstrengend, weil ihr kaum vorwärtskommt. Plane dafür ruhige Strecken ohne Zeitdruck ein.
5. Stehenbleiben statt mitziehen
Eine Alternative zur Umkehrmethode: Sobald die Leine straff wird, bleibst du stehen. Wie ein Baum. Du sagst nichts.
Sobald dein Hund den Druck rausnimmt – manchmal, weil er sich umdreht und schaut, was los ist – ist die Leine wieder lose. Marker, Belohnung, weitergehen. Viele Hunde kommen dann auch schnell von selbst wieder in die richtige Position.
Beide Methoden funktionieren. Wichtig ist nur, dass du eine wählst und sie zwei Wochen konsequent durchziehst.
6. Reize stufenweise steigern
Wohnung → Garten → ruhige Straße → Park am frühen Morgen → normale Straße → Park am Nachmittag.
Geh erst dann auf die nächste Stufe, wenn die vorherige stabil sitzt. Wenn dein Hund im Garten zu 80 % an lockerer Leine geht, kannst du auf eine ruhige Straße wechseln. Vorher nicht.
Drei Monate sind eine realistische Trainingsdauer. Bei manchen Hunden geht es schneller, bei anderen dauert es länger. Bei einem Mischling aus dem Tierschutz, der zuvor zwei Jahre lang gezogen hatte, sind vier Monate normal. Bei einem Welpen, der von Anfang an gut angeleitet wird, sind acht Wochen möglich.
Welche Hilfsmittel dich wirklich unterstützen
Ein gutes Halsband, das breit genug ist, um nicht zu drücken. Je größer der Hund desto breiter das Halsband, damit es nicht in die Halswirbel drückt.
Schleppleine im Training. Drei bis fünf Meter, leichtes Material. Gibt deinem Hund Freiraum und dir gleichzeitig Sicherheit. Gut, um auf offenem Gelände Aufmerksamkeit und Distanzgefühl zu üben. Versuche beim Üben, nicht an der Leine zu Ziehen. Genau das möchten wir nicht. Die Leine ist eine Sicherheit, aber eigentlich soll Dein Hund lernen (und du) ohne Zug an der Leine miteinander zu kommunizieren und aufeinander zu achten.
Halti / Headcollar. Funktioniert mechanisch gut, ist aber für viele Hunde anfangs unangenehm. Wenn überhaupt, dann nur mit sanfter Eingewöhnung über mehrere Wochen – nicht als schnelle Lösung.
Was die Verhaltensforschung dazu sagt
Eine Übersichtsarbeit von Ziv (2017) im Journal of Veterinary Behavior hat 17 Studien zum Vergleich aversiver und positiver Trainingsmethoden ausgewertet. Ergebnis: Hunde, die mit aversiven Methoden trainiert wurden, zeigten häufiger Angst- und Aggressionsverhalten – bei gleicher oder schlechterer Effektivität.
De Castro et al. (2020) untersuchten 92 Hunde aus sieben Hundeschulen. Hunde aus Schulen mit aversivem Training zeigten messbar höhere Stresshormonspiegel und mehr Stresssignale, auch außerhalb der Trainingseinheiten.
Hiby, Rooney und Bradshaw von der Universität Bristol befragten 2004 insgesamt 364 Hundehalter. Belohnungsbasierte Methoden gingen mit höherer Lernrate einher. Strafbasierte Methoden korrelierten mit mehr Problemverhalten – Leinenprobleme eingeschlossen.
Die Datenlage ist klar: Positive Verstärkung funktioniert besser, dauert manchmal länger, hat keine bekannten Nebenwirkungen.
Was ich nicht mehr mache
Ruckeln. Es wirkt in der Sekunde – schafft aber eine Verknüpfung von Schmerz mit der Umgebung und hat quasi keinen Lerneffekt.
„Bei Fuß“ als Dauermodus. Ein Hund kann nicht zwei Stunden lang Fuß gehen. Das ist konzentrierte Arbeit. Realistisch: kurze Fuß-Phasen im Training, sonst einfach lockere Leine ohne strikte Position.
Korrigieren, wenn der Hund schon aufgeregt ist. Ist dein Hund schon im roten Bereich, kann er nichts lernen. Erst Distanz schaffen, Reiz reduzieren – dann das Training.
Schimpfen. Hat keine erkennbare Lernwirkung, baut aber Stress auf. Beides zusammen ergibt: schlechtere Ergebnisse.
Vergleichen mit anderen Hunden. Der Labrador deiner Nachbarin geht seit dem dritten Monat brav an der Leine. Deiner braucht ein Jahr. Beides ist völlig normal.
Alltagstauglichkeit
Für mich war die große Frage: Wie bringe ich die lockere Leine bei, ohne dass mein Hund immer bei Fuß laufen muss? Bei den normalen Spaziergängen darf mein Hund zu einem Baum laufen und dort ausgiebig schnüffeln. Der Spaziergang ist ja für ihn da. Gleichzeitig will ich manchmal auch einfach von A nach B kommen und der Hund soll dann einfach neben mir laufen und mir 100 % folgen.
Sowas kann man gut mit Freigabesignalen üben. Standard sollte sein, dass mein Hund entspannt neben mir läuft. Mit einem „okay“ gebe ich ihn frei und er darf mehr über das Tempo entscheiden – natürlich nicht nach vorne preschen, aber er darf in Ruhe nach links und rechts und schnüffeln. Mit dem Leinenkommando, z. B. „Fuß“ oder „Bei mir“ signalisiere ich ihm, dass ich jetzt wieder entscheide und er wieder folgen muss.
Häufige Fragen
Mein Hund zieht nur in der Nähe anderer Hunde. Was kann ich tun?
Ein klassisches Distanzthema. Verringere den Abstand zu anderen Hunden so weit, dass dein Hund noch ansprechbar ist. In dieser Entfernung übst du Aufmerksamkeit und lockere Leine. Schritt für Schritt verringerst du den Abstand. Das nennt sich Desensibilisierung und kann mehrere Monate dauern – das ist normal.
Kann ein älterer Hund das auch noch lernen?
Ja, definitiv. Lernen ist nicht altersgebunden. Bei älteren Hunden braucht es oft etwas länger, weil tief verankerte Gewohnheiten überschrieben werden. Plane drei bis sechs Monate ein, mit ruhigen, klaren Sessions.
Was, wenn mein Hund sich nicht für Leckerli interessiert?
Drei Möglichkeiten: Erstens, die Belohnung passt nicht – probiere hochwertigeres Futter wie kleine Stücke Hühnchen oder Käse statt Trockenfutter. Zweitens, der Hund ist überreizt – die Umgebung ist zu spannend, gehe einen Schritt zurück. Drittens, er hat gerade gefressen – trainiere lieber vor der Mahlzeit. Bei manchen Hunden funktioniert auch ein Lieblingsspielzeug besser als Futter.
Mein Welpe zieht jetzt schon. Sollte ich warten?
Im Gegenteil – früh anfangen ist viel leichter, als später umzulernen. Mit acht Wochen kannst du schon das Markerwort etablieren und Indoor-Übungen machen. Halte die Sessions kurz (zwei bis drei Minuten) und spielerisch.
Wie oft am Tag sollte ich trainieren?
Zwei bis drei kurze Einheiten à fünf Minuten sind besser als eine lange Session. Hunde lernen in Pausen – das Gehirn verarbeitet das Gelernte zwischen den Trainings. Lieber täglich kurz als einmal pro Woche eine Stunde.
Brauche ich eine Hundeschule dafür?
Nicht zwingend, aber eine gute Hundeschule beschleunigt den Prozess deutlich. Achte darauf, dass die Schule mit positiver Verstärkung arbeitet und keine aversiven Methoden einsetzt. Frag konkret nach: „Wie reagieren Sie, wenn ein Hund nicht hört?“ Wenn die Antwort Ruck oder Strafe enthält: andere Schule suchen.
Quellen:
- Ziv, G. (2017): „The effects of using aversive training methods in dogs – A review.“ Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60.
- de Castro, A. C. V., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020): „Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare.“ PLOS ONE, 15(12).
- Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004): „Dog training methods: their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare.“ Animal Welfare, 13(1), 63–69.
- Cooper, J. J., Cracknell, N., Hardiman, J., Wright, H., & Mills, D. (2014): „The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars in comparison to reward based training.“ PLOS ONE, 9(9).
- Rooney, N. J., & Cowan, S. (2011): „Training methods and owner–dog interactions: Links with dog behaviour and learning ability.“ Applied Animal Behaviour Science, 132(3-4), 169–177.
- Tierschutzgesetz (TierSchG), § 3

